Von Gurken in Plastikfolie bis zum ökologischen Dünger. Welche Veränderungen brauchen wir?

Gemüseauswahl im Supermarkt - S3 e.V. by canva.com

Die Themen Klimaschutz, Plastikvermeidung und nachhaltiger Konsum sind gerade dauerpräsent in den Medien. Es wird fleißig berichtet – über Wale, die durch die Aufnahme von Plastik verenden, über die Folgen des Klimawandels und darüber, dass Deutschland seine Klimaziele wohl nicht erreichen wird. Es finden sich aber ebenso viele Berichte über Supermärkte, die Plastikverpackungen von Gurken aus dem Sortiment nehmen und  grüne Start-ups, die die dem Verbraucher den Weg in einen nachhaltigeren Lebensstil gestalten wollen. Ebenso erfahren wir von erfolgreichen Petitionen und Kampagnen zum Umweltschutz und streikenden Schülern, die jeden Freitag gemeinsam für mehr Klimaschutz demonstrieren. Wir haben uns mal gefragt, was abseits der medialen Aufmerksamkeit als messbare Entwicklung nachweisbar ist und warum nachhaltige Projekte und Unternehmen es, unserer Erfahrung nach, oft schwerer haben, wirtschaftlich erfolgreich zu sein.

Gute Produkte brauchen wirtschaftlichen Erfolg

Wir kommen auf das Thema, da wir mit unserem Projekt zur Herstellung von nachhaltigem Dünger, immer wieder auf großes Interesse stoßen. Trotzdem haben die Hersteller der Düngepellets Probleme, wirtschaftlich erfolgreich zu sein. Tatsächlich hat gerade ein Unternehmen Insolvenz angemeldet, welches Dünger aus Wolle im großen Stil herstellen wollte. Wir haben das Thema zum Anlass genommen, um uns ein paar Fragen zu stellen. Hätten wir schon einmal darüber nachgedacht, welchen Dünger wir im Garten nutzen, wenn wir nicht selbst in dem Thema aktiv wären? Müssen nachhaltige Produkte immer etwas cooler oder hipper sein als konventionelle, um aufzufallen? Hört Umweltschutz bei der Düngung von Pflanzen auf, obwohl oder gerade weil wir Bio-Lebensmittel kaufen?

Ressourcen effizient nutzen

Jedes Projekt und auch jedes Produkt ist unterschiedlich und bedient verschiedenste Märkte. So auch ökologischer Dünger aus Wolle. Der Vorteil dieses Produkts ist, dass der benötigte Rohstoff umfangreich und kostenfrei zur Verfügung steht. Laut statistischem Bundesamt gab es im Jahr 2018 in Deutschland 1,6 Millionen Schafe. Ein Schaf liefert pro Schur – je nach Größe und Rasse – durchschnittlich 3,5 bis vier Kilogramm Wolle. Dementsprechend werden im Jahr etwa 6 400 Tonnen Wolle produziert. Diese muss in Deutschland, soweit sie nicht weiter verarbeitet wird, kostenpflichtig entsorgt werden. Um den hier beschriebenen Dünger herzustellen, wird die Wolle in industriellen Anlagen geschreddert, mit Melasse vermischt und zu Pellets gepresst. Sie bestehen zu 99 Prozent aus Wolle und zu etwa 1 Prozent aus Melasse, einem dunkelbraunen Zuckersirup.

Konventionelle und ökologische Landwirtschaft

Konventionelle mineralische Düngemittel werden unter hohem Energieeinsatz hergestellt. Sie enthalten mineralische Substanzen, wie zum Beispiel Stickstoff, Phosphor und Kalium, die die Pflanze braucht um zu wachsen. Der Vorteil dieser Dünger ist, dass die Nährstoffe schnell für die Pflanze verfügbar sind. So können wir bei unseren Topf- und Gartenpflanzen das Beste aus dem Boden rausholen. Nichts Anderes machen übrigens die Landwirte. Das Problem ist nur, dass dieses Vorgehen in der Regel nicht nachhaltig ist. Wird zum Beispiel durch Düngung mehr Stickstoff auf landwirtschaftliche Böden aufgebracht, als ihm von den Pflanzen entzogen wird, können überschüssige Stickstoffverbindungen in angrenzende Gewässer, das Grundwasser oder die Luft gelangen. Ein aktueller Bericht des Umweltbundesamtes weist darauf hin, dass der Treibhausgas-Ausstoß der Landwirtschaft im Jahr 2007 seinen Tiefpunkt erreichte. Seitdem stiegen die Emissionen an-bis 2016 um 3,2 Mio. Tonnen Kohlendioxid (CO2)-Äquivalenten. Damit löst dieser Sektor die Industrie als zweitgrößten Emittenten von Treibhausgasen hinter dem Energiesektor ab. Es besteht also eindeutig Handlungsbedarf.

Unser Konsumverhalten ist wichtig

Um dieser Entwicklung entgegen zu wirken, müsste der Anteil der ökologisch bewirtschafteten Flächen in Deutschland erhöht werden. Denn die ökologische Landwirtschaft orientiert sich stärker an nachhaltigen Prinzipien, als die konventionelle Landwirtschaft und ist auch ein Markt für Düngepellets aus Wolle. Doch obwohl der Umsatz von Bio-Lebensmitteln in Deutschland stetig steigt, wächst der Anteil der ökologischen bewirtschafteten Flächen nicht im gleichen Maßstab. Ferner importieren wir unsere Bio-Lebensmittel aus dem Ausland – mit allen Konsequenzen. Denn hier kommt die, in Plastikfolie verpackte, Bio-Gurke ins Spiel. Sie soll lange frisch bleiben, um die langen Transportwege aus dem Ausland überstehen zu können. Natürlich macht es ökologisch keinen Sinn eine Gurke in Plastik zu verpacken. Die Verpackung ist jedoch nur eine Folge eines anderen Problems. Lokale Gurken brauchen diese Verpackung nicht. Werbung für Bio-Gurken ohne Plastikverpackung auf den sozialen Kanälen zu liken reicht also nicht. Besser wäre es, zur regionalen Alternative zu greifen.

Ist Nachhaltigkeit noch nicht am Ende der Lieferkette angekommen?

Der heutige Agrarhandel ist ein internationaler und stark wettbewerbsorientierter Markt.  Landwirtschaftliche Produkte werden dort produziert, wo sie am günstigsten hergestellt werden können. Klimatische Bedingungen und das Ertragspotential der Böden spielen dabei längst nicht mehr die bedeutendste Rolle. Bedeutender sind die Material- und Lohnkosten vor Ort, sowie Zölle und Subventionen. Indirekte Kosten für Umwelt- und Sozialstandards werden immer noch kaum berücksichtigt. Was bedeutet das für Projekte, die weiter hinten in der Lieferkette ansetzen und weniger sichtbar sind? Ehrlicherweise können wir Euch diese Frage hier auch nicht beantworten, obwohl sie uns schon eine Weile umtreibt. Im Rahmen unserer Arbeit hoffen wir natürlich, dass nachhaltiges Wirtschaften – egal in welchem gesellschaftlichen Bereich- selbstverständlich wird. Mediale Aufmerksamkeit ist gut und wichtig um für die Probleme zu sensibilisieren. Und natürlich ist es ein guter Anfang sich beim Einkaufen für die plastik-freie Gurke zu entscheiden. Probleme wie erhöhte Nährstoffeinträge, Pflanzenschutzmittel und Antibiotika im Grundwasser oder der Verlust von nährstoffreichem Boden werden wir so jedoch nicht eingrenzen können. Dazu bedarf es nachhaltiger Lösungen, die nicht direkt beim Verbraucher sichtbar sind und dadurch leider auch weniger Aufmerksamkeit in den Medien bekommen.